Oskar Moll wurde 1875 in Brieg in Schlesien geboren. Er studierte zunächst Naturwissenschaften, bis er sich - 22jährig - vom Vater die Erfüllung seines Wunsches erkämpfen konnte, Maler zu werden.

Moll war ein Mann bester Erziehung, ein Grandseigneur, kein Bohemien, kein Revolutionär. Liebenswürdig und immer höflich - doch unerbittlich in seinen künstlerischen Forderungen an sich selbst, an andere.

Er wohnte in Breslau am Schloßplatz. An den Wänden hingen Bilder von Corinth und Munch, von Rousseau und Matisse. Er sah viele Menschen bei sich. Er und seine Gattin, die Bildhauerin Margarete Haeffner-MoII, waren charmante Gastgeber. Erst in den letzten Lebensjahren hat Moll Existenznot kennenlernen müssen, als sein von Scharoun gebautes Berliner Haus durch Bomben zerstört wurde und er von Brieg, wo er Zuflucht gefunden hatte, fort mußte. Er fand zunächst bei Magdeburg als Flüchtling Unterkunft, bis seine Berliner Freunde ihm Wohnung und Atelier verschaffen konnten. Oskar Moll starb 1947 in Berlin.

Über seinen Werdegang sagte Moll 1920 in einer kurzen Selbstbiographie der Sammlung ,,JungeKunst":

,,Ich ging 1897 nach Berlin, konnte mich aber nicht entschließen, dem festen Lehrgang einer Akademie zu folgen, sondern versuchte vielmehr bei den verschiedensten Malern einen Weg zu finden." Er nennt Hübner, Leistikow, Corinth. ,,Bei Corinth habe ich am längsten ausgehalten; es war weniger die Korrektur von Corinth als vielmehr das Beispiel seiner Meisterschaft und seiner Persönlichkeit, die mir diese Zeit so wertvoll gemacht hat."

Dann arbeitete Moll einige Jahre für sich allein in Bayern.,, Aber" - schreibt er - ,,es wollte nicht so recht vorwärts gehen. Der Maljammer quälte mich in Permanenz. Die tonige Malerei der deutschen Impressionisten Corinth, Trübner, Liebermann, die sich in Gegensatz zu Cezanne oder Renoir wenig oder gar nicht mit der Farbe auseinandergesetzt hatten, gab mir keine Möglichkeit der Weiterentwicklung.

1907 ging ich nach Paris. Hier fand ich in den Werken von Cézanne, Gauguin, Matisse neue Anregungen und einen gangbaren Weg. Ich hatte bald das Glück, Matisse kennen zu lernen, und gründete mit meiner Frau, Purrmann, Lewy u. w. die ,Matisse-Schule'. (Mitglieder waren meist Deutsche, darunter auch Ahlers-Hestermann, und einige Amerikaner.) 1908 kehrte ich nach Deutschland zurück, doch war ich später noch öfters in Paris."

Das wichtigste Ereignis für sein Leben war die Begegnung mit Matisse. Moll arbeitete unintellektuell, ganz intuitiv. Seine Reflexionen galten nur den Mitteln. Dieses Suchen nach den geeigneten Mitteln ließ ihn experimentieren. Wichtig war ihm die sinnlich unmittelbar ausstrahlende Wirksamkeit seiner in das Bild gebannten Farberlebnisse. Das Thema von MolIs ganzer künstlerischer Arbeit war das Licht. Das Licht in den Farben, die es in der Atmosphäre an den Dingen erzeugt.

In den letzten Bildern des Siebzigjährigen tritt die Macht des Dunklen immer mehr zurück und die Farben werden immer zarter, immer durchgeistigter, bis zu einer fast unwahrscheinlichen Sublimierung.

In Oskar MolIs Briefen ist oft vom ,,Glauben" die Rede: er nennt z.B. die Künstler, die gleich ihm neue Wege suchen, ,,Die Träumenden mit dem großen Glauben" - er sagt ,,Wir alle sind Glaubende". Das Wort Glauben ist hier nicht als das bloße ,,Fürwahrhalten" zu nehmen, als was rationales Denken den Glauben versteht, sondern ist ein sicheres Wissen des Herzens. Die Seele ,,musiziert". Die Mittel, diese Musik in Bilder umzusetzen, fand Oskar Moll bei Matisse, unwiderstehlich angezogen von den reinen Farben der ,,Fauves".

Moll bekannte 1935:,, Die Künstler bleiben ewig sich wandelnde - wir alle sind Glaubende, aber jeder in einer anderen Geburtsstunde mit verschiedenen geistigen Keimen belastet, unter einem andern Stern im Zenith mit einem andern Akkord und mit anderer Stärke. So mag es kommen, daß wir uns in neue Gedanken nie ganz gemeinsam finden und in alten gemeinsam nicht beisammen stehen bleiben können. Aber das Ziel ahnen alle, wie eine in uns liegende Verheißung."

Moll leitete die Breslauer Kunstakademie, stark engagiert, doch ,,Mit der Gelassenheit des großen Herrn, mit einer leichten Hand und einer kleinen Ironie". Die gelassene Inanspruchnahme seines Ranges, das Geltenlassen des anderen, Gleichrangigen, die Freude am Reichtum der schöpferischen Potenzen - das waren Eigenschaften, die ihn befähigten, diesen einzigartigen Künstlerkreis um sich zu versammeln und ausgleichend zusammenzuhalten.

Wer mit den Namen der Künstler lebendige Vorstellungen von ihren Individualitäten zu verbinden weiß, wird ermessen können, daß Moll seine ganze Kunst des ,equilibre' und der ,balance' brauchte, um die unvermeidlichen Dissonanzen immer wieder aufzulösen. Aus seinem eigenen Werdegang wußte er, daß die beste Schule das Vorbild des Meisters ist. Die vielfältigen Erscheinungen der Meister regten die Schüler an zur Entfaltung eigener Kräfte und verhinderten, daß Formen einfach übernommen und nachgeahmt wurden, was jede Schule steril macht.

Die Breslauer Schule wirkte durch innere Aktivierung fruchtbar in die Zukunft. Zu früh wurde das Experiment durch die Schließung 1932 abgebrochen. Sie hat Moll schwer getroffen. Fast vierzehn Jahre hatte er dem Aufbau der Schule gewidmet. Er hat dieses Ende nie verwunden. Moll erhielt zunächst ein Meisteratelier in Düsseldorf, wie Paul Klee, bis er 1933 als ,,Entarteter" entlassen wurde. Die Breslauer Akademie war ein Ereignis; Beispiel und Vorbild für Nachfolgende.

Prof.Heinrich Lauterbach

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